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Abbildung Logopädie

Wann beginnt die eigentliche Sprachentwicklung?

Die Sprachentwicklung gliedert sich grob in drei Phasen:

Schreiphase Ab der Geburt Reflexschrei als Reaktion auf Hunger, Kälte
  Ab der 6. Woche Ausdruck von Wohlbehagen, Unlustgefühl
Lallphase Ab Ende des 2. Monats 1. Lallphase (hörunabhängig) Ausprobieren der Mundorgane, Vielzahl von Geräuschen, Tönen, Lauten
  Ab dem 6. Monat 2. Lallphase (hörabhängig), Voraussetzung: gutes Gehör,
Sprechphase Um den 12. Monat Erste Worte (Mama, Auto)
  20.-24. Monat 2-Wort-Sätze (Mama da, Ball da)

In der weiteren Entwicklung nimmt der Wortschatz zu, der Satzbau und die Aussprache werden differenzierter. Um den vierten Geburtstag sollte ein Kind in längeren grammatikalisch richtigen Sätzen und mit korrekter Aussprache (Artikulation) sprechen können.

Welche Probleme können bei der Sprachentwicklung von Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalten auftreten?

Die Sprachentwicklung eines Kindes mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalte kann nach dem operativen Verschluss des Gaumens (Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie) normal ablaufen. Es kann sein, dass die Funktionen der Sprechorgane jedoch durch Muskelungleichgewichte und durch Vernarbungen eingeschränkt bleiben können.

Durch das Saugen und Trinken wird die Mundmuskulatur des Kindes trainiert, was die Grundlage für die Ausbildung von Sprechbewegungen darstellt. Falls dieses Training nur in geringem Maße stattfindet, da die Saugbewegung zum Beispiel durch ein vergrößertes Saugerloch (Ernährung) schwach ist, kann es zu Funktionseinschränkungen der Sprechorgane kommen. Folglich kann die Lallphase ausbleiben oder verändert ablaufen, die Sprachentwicklung kann sich insgesamt verzögern und die Kinder sprechen die ersten Worte später.

Wenn das Gehör des Spaltkindes durch häufige Paukenergüsse (Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde) beeinträchtigt ist, kann es Geräusche und Laute nur in undeutlicher oder abgeschwächter Form aufnehmen. Das Kind beginnt später zu lallen und zu sprechen, spricht Wörter oder Sätze fehlerhaft und kann ähnlich klingende Laute nicht voneinander unterscheiden (Sprachverständnisprobleme). Aus diesem Grunde sollten Sie bei Ihrem Kind regelmäßig Hörtests durch einen Pädaudiologen (Spezialist für kindliches Hören) durchführen lassen.

Welche Sprechstörungen können bei Kindern mit Gaumen-Segelspalten auftreten?

Da bei einer Gaumen-Segelspalte die Muskulatur des Gaumensegels nicht normal ausgebildet und oft verkürzt ist, kann sich das Gaumensegel nicht an die Rachenhinterwand anlegen. Die Luft entweicht durch die Nase statt durch den Mund. Dadurch kann es zu Klangveränderungen kommen, die man als "offenes Näseln" bezeichnet. Als Ausgleichsbemühung versuchen manche Kinder durch mimische Mitbewegungen, den Luftstrom durch die Nase einzuschränken (Nasenflügel verengen, Stirn runzeln oder Mund verzerren). Als Folge des offenen Näselns bilden die Kinder die Laute weiter hinten im Rachen oder im Kehlkopf (rückverlagerte Artikulation). Dabei wird der Luftstrom durch Pressen verstärkt, was den Stimmklang verändert (Heiserkeit).

Wann sollte man ein Spaltkind erstmals einem Logopäden vorstellen?

Der erste Kontakt mit einem Logopäden sollte in Form eines Elterngesprächs schon im Säuglingsalter des Kindes erfolgen. Hier werden Sie beraten, was Sie zu Hause tun können, um Ihr Kind sprachlich zu fördern.

Wie können die Eltern die Sprachentwicklung des Kindes fördern?

Unterhalten Sie sich vom ersten Tag an mit Ihrem Kind, auch wenn es noch nicht sprechen kann. Dies weckt die Freude an der gegenseitigen Verständigung und ist somit Voraussetzung für die spätere Lust am Sprechen. Grundsätzlich sollten Sie in der "Erwachsenensprache" sprechen, damit Sie dem Kind ein gutes Sprachvorbild sind. Die "Babysprache" sollten Sie nur kurz aufgreifen, um dem Kleinkind zu zeigen, dass Sie es verstanden haben. Achten Sie beim Sprechen auf Blickkontakt. Sprechen Sie langsam und deutlich und unterstützen Sie den Wortsinn durch Mimik und Gestik (zum Beispiel beim Nein sagen mit dem Kopf schütteln). Zwingen Sie Ihr Kind nicht zum richtigen Nachsprechen, sonst verliert es bald die Lust am Sprechen. Zur Erweiterung des Wortschatzes sind Bilderbücher und Spiele sehr hilfreich. Begleiten Sie den Alltag sprachlich. Lassen Sie das Kind an der täglichen Arbeit teilhaben, erklären Sie viel und lassen Sie es ausprobieren.

Durch das Ansprechen wird auch das Hören geübt und gefördert. Das Kind lernt dabei, Stimmen und Richtungen auseinander zu halten. Auch das Summen und Singen von Liedern oder das Flüstern schulen das Gehör. Indem man Alltagsgeräusche nachahmt und das Kind immer wieder darauf aufmerksam macht ("Schau, da singt ein Vogel" und dabei auf den Vogel zeigen), kann das Kind Gehörtes mit seiner Bedeutung verbinden.

Wann beginnt die eigentliche logopädische Therapie und wie gestaltet sie sich?

Eine logopädische Kontrolle ist im Verlauf der Sprachentwicklung ca. alle 6-12 Monate zu empfehlen, um den Fortschritt zu beobachten und eventuell rechtzeitig zusätzliche Fördermaßnahmen einzuleiten (zum Beispiel Frühförderung). Sollte eine logopädische Therapie notwendig werden, was der Logopäde anhand von standardisierten Tests feststellt, beginnt diese im Alter von ca. 2 ½ bis 3 Jahren mit Übungen in den Bereichen Mundmotorik, Artikulation, Wortschatz und Grammatik. Außerdem werden auch so genannte myofunktionelle Störungen, wie zum Beispiel ein falsches Schluckmuster, bei dem die Zunge beim Schlucken zu weit vorne liegt, behandelt. Durch die Behandlung werden Zahnfehlstellungen (Kieferorthopädie) durch eine falsche Zungenlage vermieden.

Welche Übungen können die Eltern mit dem Kind zu Hause durchführen?

Die folgenden Übungen können die Eltern spielerisch in den Alltag einfließen lassen.

Übungen für die Lippe:

  • Gegenstände (zum Beispiel Salzstange, Gummibärchen) zwischen den Lippen halten
  • Wange aufblasen

Übungen für den Gaumen und die Atmung:

  • Seifenblasen (Abb. 1)
  • Kerze zum Flackern bringen
  • Mit Strohhalm trinken (Abb. 2)
  • Wattebällchen pusten
  • Leichte Blasinstrumente spielen (Blockflöte)

Hörübungen:

  • Auf Geräusche aufmerksam machen ("Hör, da singt ein Vogel!")
  • Trommeln, wenn die Trommel aufhört, sich schnellstmöglich hinsetzen
  • Musik hören, singen, musizieren

Eine logopädische Behandlung erfordert für alle Beteiligten viel Geduld, Bemühungen und Zeit. Grundsätzlich werden die Übungen jedoch sehr spielerisch durchgeführt, sodass das Kind und der Therapeut Spaß daran haben (Abb. 1, 2, 3, 4).

Logopädische Übungen

Abb. 1: Übung Seifenblasen
Abb. 1
Abb. 2: Übung mit Strohhalm trinken
Abb. 2
Abb. 3: Logopädie Übung
Abb. 3
Abb. 4: Logopädie Übung
Abb. 4

Warum muss das Kind während der logopädischen Therapie dem interdisziplinären Spaltteam vorgestellt werden?

Das Spaltteam legt für jedes Kind den idealen Zeitpunkt für den Gaumenverschluss (Mund-, Kiefer, Gesichtschirurgie) fest. Damit die Sprachentwicklung nicht beeinträchtigt wird, darf die Gaumenspalte nicht zu spät verschlossen werden. Allzu früh sollte jedoch der Verschluss wegen der Wachstumshemmung des Oberkiefers auch nicht erfolgen.

Welche Logopäden können mit einem Spaltkind aufgesucht werden?

In der interdisziplinären Spaltsprechstunde werden den Eltern Logopäden mit langjähriger Erfahrung im Umgang mit Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalten empfohlen.