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Kieferorthopädie

Die Kieferorthopädie befasst sich mit der Behandlung von Zahn- und Gebissfehlstellungen sowie Fehlbildungen der Kiefer und des Gesichtsschädels. Besonders die Beeinflussung des Wachstums des gesamten Gesichtsschädels, einschließlich des Ober- und Unterkiefers, stellt eine wichtige Aufgabe in der Kieferorthopädie dar.

Welche Aufgabe hat die Kieferorthopädie bei Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalten?

Bei Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalten umfasst die Kieferorthopädie neben den oben genannten Aufgaben insbesondere die so genannte Frühbehandlung.

Was bedeutet Frühbehandlung?

Frühbehandlung bedeutet, dass eine Behandlung noch vor Durchbruch der Milchzähne eingeleitet wird. Bei Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalten ist das Wachstum des Oberkiefers verändert. Die Kiefersegmente sind durch die Spalte getrennt und wachsen unabhängig voneinander. Außerdem besteht je nach Ausdehnung der Spaltbildung eine offene Verbindung zwischen Mund- und Nasenhöhle. Durch eine individuell hergestellte Gaumenplatte werden Mund- und Nasenhöhle voneinander getrennt. Das Ziel der Frühbehandlung ist es, das Oberkieferwachstum so zu steuern, dass sich die Kiefersegmente einander annähern und die Spalte sich verkleinert (Abb. 1a, b, c). Dies wird dadurch erreicht, dass die Zunge aus dem Spaltbereich herausgehalten wird (Abb. 2a, b) und die Zunge die Kiefersegmente dann nicht auseinander drückt. Zudem wird die Platte so eingeschliffen, dass die Segmente in die gewünschte Richtung wachsen (Abb. 3a, b). Auf aktive Elemente, wie im Gaumen verankerte Schrauben und Ketten wie zum Beispiel bei der Latham-Apparatur, wird jedoch völlig verzichtet. Durch die Reduzierung der Spaltbreite können optimale Voraussetzungen für den chirurgischen Verschluss der Lippen- und der Gaumenspalte (Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie) geschaffen werden, sodass Lippe und Gaumen spannungsfrei verschlossen werden können.

Abb. 1a: Oberkiefer bei Geburt
Abb. 1b: Oberkiefer nach 6 Monaten Frühbehandlung
Abb. 1c: Oberkiefer nach Durchbruch der ersten Zähne

Abb. 1a: Oberkiefer bei Geburt
Abb. 1a
Abb. 1b: Oberkiefer nach 6 Monaten Frühbehandlung
Abb. 1b
Abb. 1c: Oberkiefer nach Durchbruch der ersten Zähne
Abb. 1c

Zungenlage ohne und mit eingesetzter Gaumenplatte

Abb. 2a: Zungenlage ohne eingesetzter Gaumenplatte
Abb. 2a
Abb. 2b: Zungenlage mit eingesetzter Gaumenplatte
Abb. 2b

Gewünschte Wachstumsrichtung der Kiefersegmente

Abb. 3a (Beidseitige Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalte)
Abb. 3a (Beidseitige Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalte)
Abb. 3b (Einseitige Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalte)
Abb. 3b (Einseitige Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalte)

 

 

Wann soll die Frühbehandlung mit der Gaumenplatte begonnen werden und wie lange dauert sie?

Die Gaumenplatte sollte unmittelbar nach der Geburt eingegliedert werden. Wird die Platte in den ersten Lebenstagen eingesetzt, kann sich das Kind innerhalb kürzester Zeit mühelos daran gewöhnen. Sie sollte bis zum operativen Verschluss des Gaumens getragen werden.

Wie sieht die Gaumenplatte aus und wie wird sie hergestellt?

Die Gaumenplatte wird individuell auf einem Gipsmodell des Oberkiefers hergestellt (Abb. 4a). Sie wird aus einem speziellen Kunststoff angefertigt und ist rosa oder durchsichtig (Abb. 4b). Für die Herstellung der Platte ist eine Abformung des Oberkiefers notwendig. Für die Abformung ist weder eine Narkose noch eine Beruhigungsmittelgabe erforderlich, sie ist für das Kind schmerzfrei. Fünf Stunden vor der Abformung muss das Kind nüchtern sein. Die Abformung erfolgt in den ersten Tagen nach der Geburt während des stationären Aufenthaltes der Mutter und des Kindes (Kinderheilkunde).

Wie sieht die Gaumenplatte für Kinder mit Pierre-Robin-Sequenz aus?

Kinder mit Pierre-Robin-Sequenz (Glossar) erhalten eine modifizierte Gaumenplatte, bei der der hintere Anteil verlängert wird (Abb. 4c). Dadurch wird ein Absinken der Zunge in den Rachen verhindert, was zu Atemproblemen führen könnte (Kinderheilkunde).

Abb. 4a: Gipsmodell des Oberkiefers
Abb. 4b: Gipsmodell mit Gaumenplatte
Abb. 4c: Gaumenplatte für ein Kind mit Pierre-Robin-Sequenz

Abb. 4a: Gipsmodell des Oberkiefers
Abb. 4a
Abb. 4b: Gipsmodell mit Gaumenplatte
Abb. 4b
Abb. 4c: Gaumenplatte für ein Kind mit Pierre-Robin-Sequenz
Abb. 4c

 

 

Wie lange muss die Gaumenplatte täglich getragen werden?

Die Gaumenplatte sollte den ganzen Tag (24 Stunden) im Mund des Kindes sein und nur zur Reinigung herausgenommen werden.

Wann muss eine neue Gaumenplatte eingegliedert werden?

Um ein ungestörtes Oberkieferwachstum zu gewährleisten, wird die Platte in der Regel alle drei bis vier Monate erneuert. Damit wird verhindert, dass die Platte für den Kiefer zu klein wird. Zur Herstellung ist abermals eine Abformung des Oberkiefers und die Anfertigung eines Gipsmodells notwendig. Vor der Abformung muss das Kind wieder fünf Stunden nüchtern sein. Wenn Haftcreme verwendet wird, sollte die Gaumenplatte in der Nacht vor der Abformung herausgenommen werden, da das Entfernen der Cremereste vor der Abformung mühsam ist. Da das Kind meist nach der Abformung sehr hungrig ist, können Sie ein Fläschchen mitbringen. Ein Fläschchenwärmer steht Ihnen in der Abteilung zur Verfügung.

Wie oft ist der Sitz der Platte zu kontrollieren?

Die Platte wird in regelmäßigen Abständen vom Kieferorthopäden kontrolliert und neu angepasst. Dabei wird der Kunststoff an den Stellen ausgeschliffen, wo die Kiefersegmente hinwachsen sollen (Abb. 3a, b) und an anderen Stellen als Stütze belassen. So nähern sich die Kiefersegmente einander an und die Spaltbreite verkleinert sich. Direkt vor der Kontrolle sollten die Kinder nichts zu essen oder zu trinken bekommen.

Wie wird die Gaumenplatte eingesetzt und herausgenommen?

Die Platte hält durch Saugwirkung von selbst am Gaumen. Durch etwas Haftcreme wird der Halt der Platte unterstützt (Abb. 5a). Die Haftcreme wird vor dem Einsetzen dünn auf die Platte aufgetragen (Abb. 5b). Die Platte passt nur in einer bestimmten Position auf den Kiefer, sodass das Einsetzen der Platte von den Eltern problemlos übernommen werden kann. Die Gaumenplatte kann jederzeit herausgenommen werden.

Abb. 5a: Haftcreme
Abb. 5b: Auftragen von Haftcreme auf die Platte

Abb. 5a: Haftcreme
Abb. 5a
Abb. 5b: Auftragen von Haftcreme auf die Platte
Abb. 5b

 

 

Wie werden die Platte und der Gaumen gereinigt?

Die Platte und der Gaumen sollten zweimal am Tag gereinigt werden. Zur Reinigung der Platte ist eine Zahnbürste empfehlenswert. Der Gaumen und der Kiefer werden mit einem in Bepanthen®-Lösung getränkten Wattetupfer oder einer Mullkompresse gesäubert (Abb. 6a, b). Die Haftcreme muss stets vollständig entfernt werden, um einer möglichen Pilzinfektion im Mundbereich (Soor) vorzubeugen. Die Platte sollte nicht unmittelbar nach der Nahrungsaufnahme des Kindes zur Reinigung herausgenommen werden, um ein Aufstoßen der gerade eingenommenen Nahrung zu vermeiden. Deshalb ist es ratsam, die Platte vor dem Trinken zu säubern, damit sie sich während des Trinkens wieder gut einlagern kann und somit besser hält.

Abb. 6a: Reinigung des Gaumens
Abb. 6b: Pflegeset

Abb. 6a: Reinigung des Gaumens
Abb. 6a
Abb. 6b: Pflegeset
Abb. 6b

 

 

Was ist zu tun, wenn Druckstellen auftreten?

Mitunter können am Anfang leichte Druckstellen (Rötungen) am Gaumen auftreten (Abb. 7). Diese entstehen jedoch meist nicht durch die Platte, sondern bereits vor dem Einsetzen der Platte durch das Reiben der Zunge im empfindlichen Spaltbereich. Nach Eingliederung der Gaumenplatte, die an diesen Stellen hohlgeschliffen ist, können diese Druckstellen innerhalb weniger Tage abheilen. Trotzdem sollten Sie als Eltern den Gaumen bei der täglichen Reinigung auf Druckstellen untersuchen. Wenn Sie eine Druckstelle bemerken, sollten Sie sich mit Ihrem Kind beim Kieferorthopäden vorstellen. Meist lässt sich die Ursache durch Freischleifen der Platte an der entsprechenden Stelle leicht beseitigen. Auf die gerötete Stelle am Gaumen kann etwas Bepanthen® Augen- und Nasensalbe aufgetragen werden.

Abb. 7
Abb. 7

 

 

Was passiert, wenn die Milchzähne durchbrechen?

Bei Durchbruch der Milchzähne im Oberkiefer wird die Gaumenplatte entsprechend freigeschliffen, um den ungehinderten Durchbruch der Milchzähne zu ermöglichen (Abb. 8a, b).

Abb. 8a
Abb. 8a
Abb. 8b
Abb. 8b

 

 

Wie sieht die kieferorthopädische Betreuung nach dem chirurgischen Lippen- und Gaumen-Segelverschluss aus?

Nach dem chirurgischen Verschluss der Lippen- und der Gaumenspalte (Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie) ist die Frühbehandlung abgeschlossen. Dennoch sollte das Oberkieferwachstum und der Zahndurchbruch regelmäßig kontrolliert werden, da die Narbenzüge nach dem chirurgischen Lippen- und Gaumenverschluss das Oberkieferwachstum sowohl in der Breite als auch in der Länge behindern. Dadurch ergibt sich oft ein Kreuzbiss auf der Spaltseite. Das bedeutet, dass die Oberkieferzähne beim Zubeißen zu weit innen stehen und die unteren Zähne die oberen übergreifen und nicht umgekehrt (Abb. 9a). In diesem Fall sollte das Wachstum schon im Milchgebiss kieferorthopädisch gefördert werden.

Wie sieht die kieferorthopädische Therapie im Milchgebiss aus?

Die Wachstumsförderung und Korrektur eines Kreuzbisses erfolgt im Oberkiefer durch langsame Dehnung des Oberkiefers mit einer herausnehmbaren Spange (Abb. 9b). Unsere Erfahrung zeigt, dass Kinder im Alter von ca. 3 ½ Jahren bereits gut mitarbeiten können und eine Therapie Erfolg versprechend ist.

Abb. 9a
Abb. 9a
Abb. 9b
Abb. 9b

Zusätzlich kann im späten Milchgebiss und während des Zahnwechsels durch eine Delaire-Maske, einem kieferorthopädischen Gerät, das außerhalb des Mundes abgestützt ist, das Oberkieferwachstum angeregt werden.

Manchmal fehlt im Milchgebiss der seitliche Schneidezahn im Kieferspaltbereich (Abb. 10a). Auch ist es möglich, dass der Durchbruch des seitlichen Schneidezahnes nicht regelrecht im Zahnbogen, sondern im Gaumen erfolgt (Abb. 10b) oder der Zahn kleiner ist als der seitliche Schneidezahn der Nichtspaltseite. Er kann auf der Spaltseite auch doppelt angelegt sein. Fehlstellungen einzelner Zähne müssen im Milchgebiss meist nicht kieferorthopädisch korrigiert werden.

Abb. 10a
Abb. 10a
Abb. 10b
Abb. 10b

 

 

Wie sieht die kieferorthopädische Therapie während des Durchbruchs der bleibenden Zähne aus?

Auch in dieser Phase muss das Oberkieferwachstum gefördert werden, damit es mit dem des Unterkiefers, der ein normales Wachstum aufweist, übereinstimmt.

Nicht nur im Milchgebiss, sondern auch im bleibenden Gebiss ist der seitliche Schneidezahn manchmal nicht angelegt oder so unterentwickelt, dass es nicht sinnvoll ist, ihn zu erhalten. In beiden Fällen kann die Lücke mit den eigenen Zähnen geschlossen werden, indem der Eckzahn an die Stelle des seitlichen Schneidezahnes mit einer festen Zahnspange gestellt wird (Abb. 11a). So kann verhindert werden, die Lücke mit einem Implantat oder einer Brücke schließen zu müssen. Die Eckzähne können anschließend mit modernen zahnfarbenen Kunststoffmaterialien (Komposite) zu seitlichen Schneidezähnen umgestaltet werden (Abb. 11b). Mit diesen Materialien können ebenfalls die Strukturfehler im Zahnschmelz (Abb. 11a), die bei Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalten häufig auftreten, behoben werden (Abb. 11b).

Abb. 11a
Abb. 11a
Abb. 11b
Abb. 11b

Im Alter von acht bis neun Jahren muss individuell entschieden werden, ob es sinnvoll ist, körpereigenen Knochen in den Spaltbereich einzusetzen (Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie). Das Einsetzen von Knochen ermöglicht es, einen Zahn kieferorthopädisch in den Spaltbereich zu bewegen.