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Kann ein Kind mit einer Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalte trinken?

Alle Säuglinge mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalte lernen zu trinken. Sie brauchen jedoch mehr Zeit und gegebenenfalls fachkundige Unterstützung. Wenn eine Spaltbildung im harten Gaumen vorliegt, sind der Mundraum und der Nasen-Rachenraum nicht voneinander getrennt. Wenn nur im Bereich der Gaumensegelmuskulatur eine Spaltbildung vorliegt, kann sich das Gaumensegel nicht richtig an die Rachenhinterwand anlegen (Abb. 1) und somit den Mundraum nur unvollständig vom Nasen-Rachenraum trennen. In beiden Fällen kann der zum Saugen notwendige Unterdruck in der Mundhöhle nicht entstehen. Dennoch können die Kinder trinken. Mit wellenförmigen Bewegungen der Zunge und mit den Kieferkämmen drücken sie den Sauger gegen den Gaumen und entleeren dadurch die Milch. Der Trinkvorgang wird durch die Gaumenplatte (Kieferorthopädie) erleichtert, da die Zunge aus dem Spaltbereich herausgehalten wird und eine Trennung zwischen Mund- und Nasen-Rachenraum erfolgt.

Abb. 1: Trinken mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalte
Abb. 1

Ist die Gewichtskurve eines Spaltkindes mit der eines Kindes ohne Spalte zu vergleichen?

Das Trinken ist für die Neugeborenen mit Spaltbildung anstrengender als für Säuglinge ohne Spalte. Deshalb ermüden die Spaltkinder schneller und trinken in den Tagen nach der Geburt oft nicht mehr als 20 – 30 ml in einer Mahlzeit. Sie brauchen dann eine Trinkpause. Deshalb sind häufiger Mahlzeiten notwendig, die sich über den ganzen Tag verteilen. Mit zunehmender Kräftigung der Mundmuskulatur kann das Kind besser und dadurch größere Mengen trinken. Man kann eine stetige Gewichtszunahme verzeichnen, wobei sich gleichzeitig die zuvor sehr lange Trinkzeit verkürzt. Jedes Kind hat jedoch seinen eigenen Entwicklungsrhythmus. Manche Kinder haben eine kräftigere Zungen-Mund-Muskulatur, sodass sie früher größere Mengen trinken. Andere Säuglinge wiederum brauchen lange Zeit, bis sich das gesamte Zungen-Mund-System auf diesen Trinkvorgang eingestellt hat. Besonders wenn der Unterkiefer weit zurück liegt, wie zum Beispiel bei der Pierre-Robin-Sequenz (Kinderheilkunde / Kieferorthopädie) , ist es für das Kind schwieriger, die Zunge nach vorn zu bringen.

Im Allgemeinen muss davon ausgegangen werden, dass die Gewichtskurve eines Kindes mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalte in den ersten Wochen nach der Geburt nicht mit der anderer Neugeborener zu vergleichen ist. Sie liegt häufig unter der von Nichtspaltkindern. Deshalb sind häufigere Kontrollen beim Kinderarzt notwendig. Die Kinder holen das Gewicht jedoch schnell auf. Ein Überfüttern der Kinder aus Sorge um ausreichende Gewichtszunahme sollte man vermeiden, da die überflüssige Nahrung häufig erbrochen wird und die Atemwege behindern kann.

Die Lagerung beim Trinken sollte etwas aufrechter sein, um ein Verschlucken zu vermeiden (Abb. 2). Nicht zu vermeiden ist bei durchgehenden Spalten jedoch, dass zu Beginn des Trinkenlernens gelegentlich Milch durch die Nase austritt (Abb. 2). Außerdem schluckt das Neugeborene mehr Luft. Beides wird jedoch mit zunehmender Trinkerfahrung seltener.

Abb. 2: Lagerung beim Trinken
Abb. 2

Kann man ein Kind mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalte stillen?

Bei isolierten Lippenspalten und Segelspalten ist das Stillen durchaus möglich, bei kombinierten Spaltformen ist es manchmal zu Beginn mühsam, da das Trinken an der Mutterbrust abhängig vom Milchfluss Kraft vom Kind erfordert. Für einen Stillversuch ist es ratsam, die Milch zuvor ein wenig anzupumpen und das Kind sollte nicht allzu hungrig sein, da ein schreiendes Kind nicht so bereitwillig ist zu saugen. In der Frauenklinik stehen den Müttern Krankenschwestern mit langjähriger Erfahrung im Umgang mit Spaltkindern zur Seite, die Tipps geben und Handgriffe zeigen.

Sollte das Stillen zu Beginn Schwierigkeiten bereiten, kann das Stillerlebnis mit dem Brusternährungsset von Medela (Abb. 3) nachempfunden werden. Gleichzeitig wird die Milchbildung durch das Saugen angeregt, da über die beiden Schläuche, die an die Brustwarzen geklebt werden, das Kind die Milch trinkt und dabei an der Brust saugt. Der Milchfluss kann durch den Durchmesser der Schläuche oder durch Druck auf die Flasche reguliert werden.

Abb. 3: Brusternährungset
Abb. 3

Wenn das Stillen nur mühsam oder gar nicht möglich ist, sollte man sich innerlich davon verabschieden, was vielen Müttern oft schwer fällt, und lieber auf die Fläschchen-Fütterung umstellen. Durch die abgepumpte Muttermilch erhalten die Kinder den gleichen Immunschutz. Körpernähe, Wärme und Geborgenheit spüren die Kinder auch dann, wenn man sie öfter an die Brust legt.

Welche Sauger sind bei der Flaschenernährung empfehlenswert?

Für die Flaschenernährung bei Kindern mit Gaumen-Segelspalten haben sich bestimmte Sauger bewährt, die ein Ventilsystem haben, über das die Menge des Milchflusses individuell reguliert werden kann (Haberman-Sauger der Firma Medela, Abb. 4). So kann vermieden werden, dass zuviel Milch in den Mund des Kindes gelangt und es sich verschluckt. Auch kann die Milch durch das variable Ventilsystem langsam und gleichmäßig ohne Zufuhr zusätzlicher Luft fließen. Diese Ventilsauger mit dem dazugehörigen Fläschchensystem können von der Klinik verschrieben werden und sind in jeder Apotheke zu beziehen. Der Sauger ohne das Ventil nützt jedoch nichts.

Auch wenn manche Eltern die Verwendung von Breisaugern anstelle der Milchsauger oder das Vergrößern des Saugschlitzes als praktisch erleben, um die Fütterungszeit zu verkürzen, wird aus heutiger Sicht eher davon abgeraten. Wenn Sauger mit vergrößertem Schlitz verwendet werden, kann es zu einem Überfluten des Rachenraumes kommen. Dann zieht das Kind die Zunge nach hinten, um ein Verschlucken zu verhindern. Kommt dies häufig vor, besteht die Gefahr, dass eine Zungenfehlhaltung verursacht wird, die für die spätere Sprachentwicklung ungünstig ist (Logopädie). Außerdem wird der vordere Anteil der Zunge nicht trainiert und dadurch nicht kräftiger, wenn die Milch einfach hineinfließt.

Bei Kindern mit Lippen-Kieferspalten sollte darauf geachtet werden, dass sie den so genannten Brustteil des Saugers nicht unter die Oberlippe ziehen. Wenn der Sauger einen Brustteil mit genügend großem Durchmesser hat, können sich die gespaltenen Oberlippenanteile dort abstützen und der Fixpunkt des Lippenringmuskels wird stimuliert. Durch diese Stimulation wird die Vorwärtsbewegung der Lippen angeregt, die später für die richtige Lautbildung beim Sprechen notwendig wird. Die Firma NUK® (Abb. 5) stellt für den Klinikbedarf einen Überziehsauger für Glasfläschchen her, der diesen Anforderungen entspricht. Auch die oben erwähnten Haberman-Saugsysteme sind unter diesem Gesichtspunkt zu empfehlen. In der Frauenklinik haben die Mütter die Möglichkeit, beide Modelle gemeinsam mit den Krankenschwestern zu erproben.

Den Säuglingssauger von Playtex® (Abb. 6) verwenden viele Mütter sehr gerne und ist zudem für das Kind vorteilhaft. Da die Flasche unten offen ist, die Milch befindet sich in einem Einwegbeutel, kann die Mutter per Handdruck den Milchfluss erleichtern. Gerade wenn das Kind schon lange trinkt und ermüdet ist, aber noch nicht genügend Nahrung zu sich nehmen konnte, ist dies ein Vorteil. Außerdem kann man die abgepumpte Milch in den Plastikbeuteln einfrieren und später darin auftauen und erwärmen. Des Weiteren wird die Mundringmuskulatur beim Saugen trainiert und die Kinder schlucken kaum Luft.

Einige Kinder kommen mit den herkömmlichen Silikonsaugern am besten zurecht. Daher sollten auch diese ausprobiert werden.

Abb. 4: Haberman-Sauger  

Abb. 4: Haberman-Sauger
Abb. 4

Abb. 5: NUK®-Sauger 
Abb. 6: Playtex®-Sauger

Abb. 5: NUK®-Sauger
Abb. 5
Abb. 6: Playtex®-Sauger
Abb. 6

Muss das Kind über eine Sonde ernährt werden?

Eine Sondenernährung sollte nach Möglichkeit vermieden werden, da die Mundmuskulatur nicht trainiert und damit nicht gestärkt wird. Notwendig wird sie nur, wenn sich keine Trinktätigkeit einstellt, da der Unterkiefer weit hinten liegt und das Kind nach der Geburt sehr schwach ist, wie zum Beispiel bei der Pierre-Robin-Sequenz (Kinderheilkunde / Kieferorthopädie).

Wie gelingt die Umstellung auf Breinahrung?

Bei der Umstellung von Muttermilch auf andere Milchprodukte oder auf Breinahrung kann es für kurze Zeit zu Irritationen kommen. Die Kinder müssen ihr Muskelsystem auf die andersartige Konsistenz einstellen und das Trinken und Essen neu erlernen. In dieser Phase kann es vorkommen, dass ein Teil der Nahrung aus der Nase austritt. Nach einigen Wochen haben sich die Kinder jedoch meist auf die Breinahrung eingestellt.

Was bekommt das Kind nach den Operationen zu essen?

Die Säuglinge und Kleinkinder können nach ca. vier Stunden nach den Operationen in der Regel wieder ganz normal trinken, zuerst Tee, dann die gewohnte Milch. Auch hier lernen die Kinder schnell, sich auf die neuen Bedingungen im Mund-Rachen-Raum einzustellen. Nach dem Gaumenverschluss sollte während der Wundheilungsphase allerdings auf harte Nahrung verzichtet werden (Stationärer Aufenthalt). Außerdem ist es ratsam, nach dem Gaumenverschluss ohne Sauger zu trinken, um nicht zu viel Zug auf das Gaumensegel und damit auch auf die Nähte auszuüben. Daher sollte das Kind bereits vor dem Eingriff gelernt haben, aus einer Tasse zu trinken (Abb. 7a, b).

Abb. 7a
Abb. 7a
Abb. 7b
Abb. 7b

Und allgemein ...

Neben all diesen technischen Fakten hilft für die Entwicklung eines Spaltkindes natürlich das Gleiche wie bei jedem anderen Kind: eine entspannte und liebevolle Atmosphäre beim Füttern. Wenn sich alles eingespielt hat, werden Sie bald erleben, wie das Trinken zu einer zufrieden stellenden Gemeinsamkeit für Mutter und Kind wird. Und wenn Sie nicht stillen können, so seien Sie gewiss: Körperwärme und die Zuneigung kann man dem Kind auch beim Fläschchen-Füttern im Arm geben.